Einführung
Wer in den vergangenen drei Jahrzehnten abends die Nachrichten eingeschaltet hat, kennt ihre Stimme. Katharina Wendland, 66, war 31 Jahre lang das ruhige, verlässliche Gesicht der Abendnachrichten: bei Wahlen, in Krisen, an Silvester. Sie wurde auf der Straße gegrüßt, zum Essen eingeladen, um Autogramme gebeten. Ihr Terminkalender war ihr Rückgrat.
Dann kam der letzte Abend. Ein kurzer Abspann, ein Blumenstrauß, ein Applaus, der im Studio länger dauerte als geplant. Und am nächsten Morgen: nichts. Kein Anruf aus der Redaktion, kein Auto, das vor der Tür wartete, keine Sendung, die vorzubereiten war. Was wie ein verdienter Neubeginn aussah, fühlte sich für sie zunächst wie ein Sturz an.
Für unser großes Interview hat sich Katharina Wendland mehrere Stunden Zeit genommen, in ihrem Haus am Rand eines Hamburger Parks, zwischen Bücherregalen und einem Schreibtisch, an dem sie heute Briefe statt Moderationstexte schreibt. Sie spricht über Angst, die sich nicht gehören durfte, über die Frage, wer man ohne Titel ist, und über kleine Dinge, die ihr Leben wieder getragen haben. Es ist ein Gespräch, das nicht beschönigt. Und gerade deshalb Mut macht.
Frau Wendland, Ihre letzte Sendung liegt eineinhalb Jahre zurück. Wie haben Sie den Moment erlebt, in dem das rote Licht der Kamera erlosch?
Ehrlich gesagt: wie in Watte. Ich habe diesen Abend monatelang im Kopf durchgespielt. Jeden Satz, jede Geste, die letzte Verabschiedung. Ich wollte würdevoll sein, gelassen, ein bisschen heiter. Und das war ich auch, dreißig Sekunden lang. Dann ging das Licht aus, und ich saß in diesem hellen Studio und dachte: Und jetzt?
Die Kolleginnen und Kollegen haben applaudiert, ich habe gelächelt und mich bedankt. Erst im Auto, auf dem Heimweg, habe ich gemerkt, dass meine Hände zitterten. Das war kein Triumph, das war etwas ganz anderes. Es war ein Abschied von einer Version von mir, die ich über Jahrzehnte gebaut hatte.
Viele stellen sich den Ruhestand als Erleichterung vor. Was kam bei Ihnen danach?
Erleichterung war kurz da, vielleicht eine Woche lang. Ich habe ausgeschlafen, ich habe die Zeitung bis zur letzten Seite gelesen, ich bin spazieren gegangen. Und dann, an einem Dienstagvormittag im Oktober, stand ich in der Küche und wusste nicht mehr, wofür ich aufgestanden war. Es gab keinen einzigen Termin, der auf mich wartete.
Ich habe damals zum ersten Mal verstanden, wie sehr ich mein Leben über Aufgaben definiert hatte. Wenn ich gebraucht wurde, wusste ich, dass ich da bin. Plötzlich wurde ich nicht mehr gebraucht, jedenfalls nicht auf diese Weise. Die Stille in diesem Haus war lauter als jedes Studio.
Sie sprechen von Angst. Wovor hatten Sie konkret Angst?
Vor der Bedeutungslosigkeit, wenn ich das so deutlich sagen darf. Ich hatte Angst, dass mich niemand mehr braucht, dass ich in den Augen der anderen verschwinde und irgendwann auch in meinen eigenen. Ich hatte Angst vor leeren Tagen, vor dem Gespräch mit mir selbst, vor dem Älterwerden, das plötzlich keinen Rahmen mehr hatte.
Und dann war da noch eine zweite, leisere Angst: dass ich mich schämen müsste. Ich war doch diejenige, die anderen in schwierigen Momenten Ruhe vermittelt hat. Wie kann so jemand nachts um drei wach liegen und Herzklopfen haben, weil der Kalender leer ist? Diese Scham hat die Angst lange unsichtbar gehalten. Ich habe niemandem davon erzählt, nicht einmal meiner Schwester.
Körperlich war es sehr real. Schlafstörungen, ein Druck auf der Brust, Gedankenkarussells. Mein Hausarzt hat mir dann irgendwann gesagt, dass das kein Zeichen von Schwäche ist, sondern eine ganz normale Reaktion auf einen riesigen Umbruch. Dieser eine Satz hat mir mehr geholfen als jede Beruhigungstablette.

Wie sind Sie mit dieser Angst umgegangen? Was hat sich als hilfreich erwiesen?
Zuerst habe ich versucht, sie wegzuarbeiten, was natürlich nicht funktioniert hat. Ich habe mir Pläne gemacht, Reisen gebucht, Ehrenämter zugesagt. Alles auf einmal. Nach drei Monaten war ich erschöpfter als im Berufsleben und genauso ängstlich. Erst als ich aufgehört habe zu fliehen, hat sich etwas bewegt.
Ich habe angefangen, morgens zu schreiben. Nicht für die Öffentlichkeit, nur für mich. Drei Seiten, ungefiltert: Was beunruhigt mich? Was fehlt mir? Was würde ich gern wieder spüren? Nach einigen Wochen konnte ich plötzlich Muster erkennen. Die Angst war nicht diffus, sie hatte Namen: Zugehörigkeit, Anerkennung, Struktur.
Und ich habe mir Hilfe geholt. Ich habe eine Gesprächsrunde besucht, eine kleine Gruppe von Menschen, die alle in einer ähnlichen Phase steckten. Ein pensionierter Lehrer, eine frühere Buchhalterin, ein Handwerker. Zu hören, wie ein Mensch, der nach außen so stark wirkt, sagt: Ich weiß gerade nicht, wer ich bin, das war befreiend. Wir haben gelacht und geweint, manchmal im selben Satz.
Ihr Name war über Jahrzehnte mit einer Rolle verbunden. Wer sind Sie heute, ohne diese Rolle?
Das ist die Frage, die mich am längsten beschäftigt hat. Ich habe gemerkt, dass ich auf Partys und bei Treffen immer noch mit dem Satz begrüßt wurde: Sie sind doch die aus den Nachrichten. Früher war das Schmeichelei. Später empfand ich es fast wie einen Vorwurf, als würde man mich an etwas erinnern, das nicht mehr ist.
Heute antworte ich anders. Ich sage: Ich war das. Und ich bin so vieles mehr. Ich bin jemand, die gerne Suppe kocht und dabei schlecht singt, die ihrem Enkel das Fahrradfahren beibringt, die in ihrem Garten Rosen schneidet und dabei zum ersten Mal begreift, wie viel Geduld in Pflanzen steckt. Ich bin neugierig geworden auf Dinge, für die ich nie Zeit hatte.
Identität ist, glaube ich, kein Titel und keine Visitenkarte. Sie ist eine Summe aus dem, was man liebt, wofür man einsteht und mit wem man Zeit verbringt. Der Beruf war ein großes Kapitel meines Lebens, aber er war nie das ganze Buch.
Was gibt Ihrem Alltag heute Halt? Wie sieht ein guter Tag bei Ihnen aus?
Er beginnt mit einer festen Struktur, und das sage ich als jemand, die früher gegen jede Routine war. Ich stehe zur gleichen Zeit auf, schreibe meine Seiten, gehe eine Runde im Park. Dann arbeite ich vormittags ehrenamtlich in einem Verein, der Menschen beim Lesenlernen unterstützt. Das Wort Verein hätte ich vor ein paar Jahren belächelt. Heute ist es der Ort, an dem ich mich am meisten zugehörig fühle.
Am Nachmittag gehört die Zeit mir und den Menschen, die mir wichtig sind. Mittwochs treffe ich meine Gesprächsrunde, donnerstags kommt mein Enkel zum Kochen. Abends lese ich, manchmal rufe ich eine alte Kollegin an. Es sind kleine Dinge, aber sie sind verlässlich. Und ich habe gelernt: Struktur ist keine Einschränkung, sie ist ein Geländer, an dem man sich entlanghangeln kann, wenn der Boden schwankt.

Hat sich Ihr Verhältnis zu Familie und Freunden verändert?
Sehr. Ich war für meine Familie lange eine Art Gast. Ich kam zu Geburtstagen zwischen zwei Terminen, immer mit einem Blick auf die Uhr. Heute bin ich da und habe Zeit. Das hat auch Beziehungen verändert, nicht immer ist alles leicht. Mein Mann und ich mussten neu lernen, wie wir den Tag miteinander teilen, wenn wir beide zu Hause sind. Wir haben viel geredet, manchmal auch gestritten, und jetzt haben wir feste Zeiten für Gemeinsames und feste Zeiten für uns allein.
Mit meiner Schwester habe ich endlich über meine Angst gesprochen. Sie hat nur gesagt: Ich dachte schon, du erzählst es nie. Es war ein stiller, wunderbarer Moment. Ich glaube, wir unterschätzen, wie viel Nähe entsteht, wenn wir uns erlauben, unsicher zu sein.
Was möchten Sie Menschen mitgeben, die kurz vor dem Ruhestand stehen und sich davor fürchten?
Erstens: Ihre Angst ist normal. Sie ist kein Zeichen dafür, dass Sie etwas falsch machen, sondern dafür, dass Ihnen etwas wichtig war. Zweitens: Sie müssen das nicht allein schaffen. Suchen Sie sich Menschen, mit denen Sie ehrlich sprechen können, eine Runde, einen Verein, ein Gegenüber, das zuhört, ohne zu bewerten.
Drittens: Lassen Sie sich Zeit. Ich habe fast ein Jahr gebraucht, bis ich das Gefühl hatte, wirklich angekommen zu sein. Dieses Jahr war nicht verschwendet, es war Arbeit an mir selbst. Und viertens: Fragen Sie sich nicht nur, was Sie verlieren, sondern auch, was Sie jetzt endlich dürfen. Neugierig sein. Langsam sein. Nein sagen. Ein Instrument lernen, eine Sprache, einen Berg besteigen.
Der Ruhestand ist keine Endstation. Er ist eine Schwelle. Und hinter der Schwelle liegt, wenn man sich traut, hinüberzugehen, ein erstaunlich weiter Raum.
„Der Beruf war ein großes Kapitel meines Lebens, aber er war nie das ganze Buch.“
Zum Schluss: Eine Betrachtung
Am Ende unseres Gesprächs steht Katharina Wendland auf, öffnet die Terrassentür und lässt die kühle Herbstluft herein. Draußen liegt der Park im späten Licht, ein paar Spaziergänger, ein Hund, der einem Blatt hinterherjagt. Sie schaut lange hinaus. Dann sagt sie, fast beiläufig: „Früher habe ich die Welt erklärt. Heute schaue ich sie mir an.“
Vielleicht liegt darin die leise Botschaft dieses Gesprächs. Der Übergang in den Ruhestand ist kein Verlust, den man klaglos hinnehmen muss, und auch kein Geschenk, das sich von selbst auspackt. Er ist eine Aufgabe, die Mut verlangt, ehrliche Worte, Geduld mit sich selbst und die Bereitschaft, andere an sich heranzulassen. Wer Angst hat, ist nicht schwach. Wer darüber spricht, ist bereits auf dem Weg.
Wenn Sie sich in diesen Zeilen wiederfinden, möchten wir Sie ermutigen, den ersten Schritt zu tun. Ein Gespräch, eine Runde, ein Anruf: Manchmal genügt ein kleiner Anfang, damit sich ein neues Kapitel öffnet.

